Seit vielen Jahren bereits setzt GEN, aber auch andere Grassrootbewegungen im Nachhaltigkeitsbereich, viele Aufgaben der SDGs bereits um. Was fehlt ist der ‘Money-shift’, also der Geldtransfer in diese Richtung. Genau um diese Thematik ging es bei der Veranstaltung ‘Money and Sustainability’ am 31.10.2019 im Kulturpark Zürich.

Es gibt 17 SDGs, die in einem langwierigen Prozess durch 180 Staaten anerkannt und zum teil ratifiziert wurden. Was bis heute fehlt ist das ‘18’ SDG in welchem definiert wird wie und von wo das Geld beschaffen werden kann zur Umsetzung der 17 SDGs.

Jens Martignoni, Ökonom und Währungsforscher, der Initiator und Moderator des Anlasses, hat sich selber in seiner Forschungsarbeit bereits intensiv mit Parallelwährungen und dem ‘SDG 18’ auseinander gesetzt und darüber ein Buch verfasst.

Es fanden drei Referate mit anschliessenden erweiterten Workshops statt.

Gemäss Prof. Dr. Stefan Brunnhuber, World Academy of Science and Art, bräuchte es jährlich rund 5 Billionen Dollar, um die SDGs mit den vorgegebenen Aufgaben umzusetzen bis 2030. Erstaunlich, dass es bisher noch keinen Finanzierungsvorschlag gibt. Gemeinsam mit der World Academy of Science and Art hat er ein Modell entwickelt, wie diese Finanzierung innerhalb von geringer Zeit gedeckt werden könnte.

Christian Gelleri, Gründer der Chiemgauer Regionalwährung, plädiert für eine Demokratisierung des Geldes zur Förderung des Gemeinwohls. Das Prinzip des Chiemgauers kommt dem sehr nahe und hat auch langfristige Erfolge gezeigt. Ein Dorn im Ganzen sei, dass die Steuern nicht mit derselben Währung bezahlt werden könne, dies ergebe einen Verlust im Regionalen Währungskreislauf.

Will Ruddick, Economic development specialist, hat in Nairobi und Kenya ein komplexes Parallelwährungssystem aufgebaut (Community currency Programm) als ein Modell für nachhaltige Entwicklung. Es gelinge teilweise sogar, dass auch der Staat daran interessiert sei, weil eine Parallelwährung (auch von den anderen Referenten bestätigt) das Finanzsystem eines Landes stabilisieren könne und die Not und Arbeitslosigkeit durch dieses System reduziert werden könne.

Ergänzende Workshop-LeiterInnen:

Anna Löscher von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe ‘Nachhaltiges Geld’, nahm die Thematik der strukturellen Entwicklungshemmnisse in der Entwicklungspolitik auf.  Sie geht auf den Ursprung, Folgen und Lösungen der Devisenabhängigkeit ein. Wie soll Entwicklungshilfe nachhaltig sein, wenn die Länder, die am meisten Spenden, letztlich die grösste Ursache des Elends in Entwicklungsländern sind!?

Daniel Meier, Experte für Nachhaltigkeit und Währungen in marginalisierten Ländern, vertieft in die Thematik von Parallelwährungen in marginalisierten Regionen, dezentrale Liquidität für SDGs und Klimawandel-Massnahmen. Er nahm Bezug auf das Referat resp. Projekt von Will Ruddick.

Christian Gelleri, Daniel Meier, Dr. Prof. Stefan Brunnhuber, Uwe Burka, Jens Martignoni (v. links n. rechts)

In den Workshops wurden die Inhalte der Referate und der Workshopleitungen jeweils intensiv anhand einer ‘Roadmap’ diskutiert und auch sehr kritisch beleuchtet und hinterfragt.

So ging es z.B. beim Modell zur Finanzierung der SDGs von rund 5 Billionen Dollar pro Jahr, um die Fragen, wie sicher denn eine solche Blockchain wirklich sei; wer entscheidet, wohin das Geld gehe und ob Korruption wirklich ausgeschlossen werden könne.

Stefan Brunnhuber und ein Spezialist in Bezug auf Blockains waren überzeugt, dass dies einer der sichersten Wege ist, um Geld an den Richtigen Ort zu lenken, da alles nachzuverfolgen sei und bestimmt werden könne, resp. eingeschränkt werden könne zu welchem Zweck, in welchem Ort und für was genau, das Geld ausgegeben werden könne. – Entscheidungs- und Kontrollinstanz könne zum Beispiel ein Gremium der UN sein.

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Am Abend fand ein öffentlicher Anlass mit 3 Referaten und einer Podiumsdiskussion zum Thema ‘Nachhaltiges Geld für eine nachhaltige Zukunft’ statt.

Prof. Dr. Stefan Brunnhuber, Prof. für Psychologie und Nachhaltigkeit, erklärte die offene Finanzierungssituation der SGDs und sein Lösungsmodell nochmals vertiefter. Er zeigt auch auf, dass für finanzielle Transaktionen 150 Mia. und für finanzielle Anlagen 240 Mia. jährliche Kosten anfallen. Nur schon dieses Geld könnte nachhaltiger investiert resp. umverteilt werden. Aktuell könne rund 1/3 der SDG-Kosten aus der Privatwirtschaft gedeckt werden. 2/3 jedoch betreffe globale Probleme und Themen (z.B. Armut und Hunger auf der Welt).

Die Idee einer Blockchain als Parallelwährung basiere u.a. auch darauf, dass die UN unzählige Entwicklungsgelder durch Korruption in den jeweiligen Ländern verliert. Eine Parallelwährung in Form einer Blockchain sei sicherer und stabilisiere zudem das monetäre System wie ein Fahrrad mit zwei statt nur einem Rad.

Er geht noch weiter und spricht vom TAO of Finance-Initiative (WAAS), welches jenseits von Stagnation und Instabilität funktioniere und die männlichen wie auch weiblichen Aspekte beinhalte.

Claudio Gisler, Mitglied der Geschäftsleitung WIR, zeigte auf, wie das WIR-System funktioniert und weshalb es immer noch erfolgreich ist. Ein Punkt war auch hier, dass es eine stabilisierende Wirkung auf das Schweizer Finanzsystem habe. Finanziert sei das System durch Kundengelder. WIR werde durch Kredite geschöpft und bei Auflösung auch wieder gelöscht. WIR wurde durch Probleme bei den KMUs 1934 als eine Art Selbsthilfe gegründet, die sich so gegenseitig mit Aufträgen versorgten, verrechneten und eine gegenseitige Solidarität aufbauten. Auf dem WIR gibt es keine Zinsen. Respektive der Kreditzins ist tiefer als bei der Nationalbank. Als Startmöglichkeit, braucht es einen Negativzins! Die KMUs hätten Wettbewerbsvorteile, ‘Heimatschutz’, Struktursicherung und könnten Arbeitsplätze schützen.

Nachhaltigkeit im ökologischen Bereich: Dies sei so im WIR zur Zeit nicht vorgesehen. Sie seien aber am Überlegen eine zusätzliche Währung, einen Green-Coin zu kreieren.

Domagoj Arapovic, Senior Economist der Raiffeisenbank, umschreibt, wie herkömmliche Banksysteme die Nachhaltigkeit finanzieren oder unterstützen wollen.

Er geht davon aus, dass ohne stabilen Finanzsektor, auch keine nachhaltige Wirtschaft funktioniere.

Die Globalisierung habe vielen aus der Armut verholfen, starkes Wirtschaftswachstum, jedoch noch höheres Finanzmarktwachstum! (Börsen freie Derivatgeschäfte). Negativ sei jedoch, das die Ungleichheit und Umweltverschmutzung damit auch steige. Es gäbe mehr Krisen an den Finanzmärkten und Staaten gehen bankrott, Schuldenberge steigen. Es finde eine Abkoppelung der Realwirtschaft und des Finanzsektors statt. Der Finanzsektor unterliegt hohen Schwankungen.

Es fehle eine konkrete Hinterfragung des aktuellen Finanzsystems und es brauche mehr Forschung dazu.

Eine Parallelwährung erhöhe die Komplexität und verringere die Effizienz, könnte jedoch zu mehr Stabilität führen. Wenn diese jedoch nur für nachhaltige Projekte eingesetzt würden, wäre die stabilisierende Wirkung jedoch fragwürdig.

Die Nachfrage der Kunden in Bezug auf Investitionen in Nachhaltigkeitsprojekte sei steigend, doch die Kreditvergabe sei noch nicht dem Bedarf entsprechend. Es brauche alle dazu, um das Finanzsystem in eine nachhaltige Richtung zu bringen.

Podiumsdiskussion:

Spannend war, dass alle eine Parallelwährung grundsätzlich begrüssen. Von Bankseite her wurde dies jedoch als staatliche Vorgabe empfohlen, da die Banken kaum freiwillig mitmachen würden. Der WIR hätte bereits bewiesen, dass eine Parallelwährung stabilisierend auf ein Finanzsystem wirken könne. Jedoch fehlt die Nachhaltigkeit.

Grundsätzlich sei es einfach, ‘technologisch gesehen’, auf zwei Finanzsystemen zu fahren. Beim Zahlen könne man jeweils entscheiden, ob man den grünen Button (für nachhaltiges Einkaufen) oder den grauen Button (für das klassische Einkaufen) drücken wolle. Damit ein solches System schnell skaliert, müsste es über den Staat resp. die Zentralbank eingeführt werden. Falls wir keinen neuen Mechanismus einsetzen, würden die Kosten, gemäss Stefan Brunnhuber für den Norden exponentiell steigen in den nächsten Jahren.

Spannend ist, dass vor vielen Jahren (18.–19.Jh) mit zwei Geldsystemen gearbeitet wurde. Eines für die lokalen Geschäfte und eines für Interaktionen mit anderen Ländern!! Parallelwährungen sollen jedoch nicht auf Idealismus und Ideologie aufgebaut werden, sondern sollen gut durchdacht und mit bestehenden Parallelwährungssystemen abgeglichen werden, damit sie langfristig funktionieren und etwas bewegen können. Ziel wäre es, dass langfristig Steuern auch mit Parallelwährungen bezahlt werden könnten. Erst dann funktioniere der gesamte Kreislauf einer Parallelwährung. Susanna Fassbind hat die Währung als Zeit ohne Sicherung durch Geld (KISS) erfunden, welche Sozial- und Gesundheitskosten toppen könne. (Time-Dollarsystem als Kreissystem)

Buchtipps:

  •  «Zeit für Dich – Zeit für mich», Susanna Fassbind, rüffer&rub Visionäre
  • «Das Geld neu erfinden», Jens Martignoni, Versus-Verlag
  • «Jeder kann die Zukunft mitgestalten», Uwe Burka, ILV

Bericht:

«Wege aus der Wachstumsfalle!», Uwe Burka, Puidoux

Links:

Bericht von: Brigitta Spälti, Koordinations-Kreis GEN-Suisse, UN-Representative, brigitta.spaelti@ecovillage.org