Vom Ich zum echten Wir – ein Reisebericht.

Es gibt eine Kraft, die durch uns wirkt und die höchst unterschiedliche Ichs zu einem Wir zusammenbringt. Sie überwindet dazu die vielen begrenzenden Membranen, die wir uns zugelegt haben. Durch diese Kraft wurde der Einzeller zum Mehrzeller, werden Ego-Menschen zu Gemeinschaften. Wir können diese Kraft Liebe nennen. Der Massstab, an dem wir all unsere Aktionen und Verhaltensweisen messen können, lautet: Sind sie liebevoll? Sind sie konstruktiv? Erzeugen sie Bewusstsein? Bringen sie uns auf tiefere und wahrhaftigere Weise zusammen?

So könnte man das Experiment des diesjährigen GEN-Suisse Retreat beschreiben: Können wir mehr Liebe für den Aufbau unseres Netzwerkes wagen? Und sind wir schon in der Lage, uns gegenseitig ein Feedback zu geben, wie wir unsere Haltung und unser Verhalten wahrnehmen? Liebevoll und konstruktiv oder begrenzend?

Es war angesichts der Corona-Massnahmen lange nicht klar, ob es überhaupt ein GEN-Suisse Sommertreffen geben würde. Dann beschloss der Vorstand ein Wagnis: Der kleinere Rahmen sollte als Chance genutzt werden, um tiefer und intimer unter den Mitgliedern zusammenzukommen. Die Teilnehmenden leisteten schon mit ihrer Anmeldung ein Commitment:

  1. Ich bemühe mich, mein Herz offen zu halten.
  2. Ich nehme Feedback entgegen.
  3. Ich übernehme die Verantwortung für meine Emotionen und bitte um Hilfe, wenn ich sie brauche.

Im ersten Plenum wurde das Commitment wiederholt, alle ca. 80 Teilnehmenden standen dazu. Doch ganz war den meisten wohl vorab nicht klar gewesen, wie herausfordernd das Commitment sein würde. Schliesslich geht es GEN-Suisse so wie fast allen Gruppen und Netzwerken: Es gibt Einigkeit und Harmonie, aber wie tief reicht sie? Was geschieht, wenn wir unsere gewohnten Verhaltensweisen und Motive miteinander ins Bewusstsein bringen, überprüfen und in Frage stellen? Wenn wir uns aus der gewohnten Komfortzone herausbewegen?

Es wurde keine Wohlfühl-Konferenz, sondern bewegte Tage: Eine gemeinsame Reise voller Erkenntnisse und Herausforderungen. Am Ende mit Erfolg: Neben der immensen Lernmöglichkeit über die Techniken der verschiedenen Gemeinschaften erfuhren wir, wie durch Auseinandersetzung und Solidarität tatsächlich ein Stück Vertrauen errungen werden kann und menschlich klarere Luft entsteht. Vom Ich zum Wir.

Das Team der beiden Moderatoren Anne Duveen (Herzfeld) und Felix Swiatek (Terra Nova) sowie Balz Jäggi (Terra Nova) als Organisator und Frieda Radford (Zäme) als Schirmherrin liess sich unterstützen von einem Arbeitskreis, der auch als “Special Guests” eingeladen war und sich den eher humorvoll gemeinten Namen “X-Stream” gegeben hatte: Sieben erfahrene VertreterInnen aus vier Gemeinschaften (ZEGG, Go&Change, Tamera und Zäme). Gemeinsam versuchten sie, das Ringen um gemeinschaftliche Werte und vertieftes Zusammenkommen mit ihrer Erfahrung und Kompetenz immer wieder in konstruktive Richtungen zu lenken.

Für alle war es überraschend, wie schnell heftige Reaktionen ausgelöst wurden – Misstrauen und Angst bis hin zur Wut, aber auch Neugier und Dankbarkeit. Rafaela Bachmann (Gemeinschaft Cambium aus Österreich) sagte: «Ich kenne es aus Gemeinschaften, dass die ständigen Reaktionen es unmöglich machen, zu einer gemeinsamen Lösung zu finden. Immer muss der Gemeinschaftsprozess Rücksicht auf diejenigen nehmen, die sich gerade getriggert oder verletzt fühlen. So werden die stärksten Impulse gebremst, und es entsteht Stillstand. Es ist wertvoll, eine Art des Zusammenkommens zu finden, wo diese Mechanismen angesprochen werden und nicht-konstruktive Beiträge auch benannt werden, so dass wir sie durchschauen und ändern können.»

Gerade das war für andere eine echte Vertrauensprobe: Können wir so in Gemeinsamkeit kommen? Sind die jeweils anderen wirklich bereit, selbst Feedback anzunehmen? Wollen da einige Macht ausüben? Sonja-Vera Schmitt (Schloss Glarisegg) gab dieser Befürchtung eine Stimme: «Führung muss sich verletzlich zeigen können. Führung muss weiblich sein.»

Der Vortrag zum Thema «Systemwechsel» von Leila Dregger löste ebenfalls eine grosse Intensität aus. Einige Gedanken daraus: «In jeder Gruppe spiegelt sich die gesamte Weltsituation. Es könnte keinen Krieg im Jemen geben, wenn wir ihn nicht auch unter uns führen würden – in unseren Gruppen und Beziehungen. Wenn an einigen Orten der Erde Wahrheit und Vertrauen unter Menschen entstehen, dann erhält die globale Kette von Angst und Gewalt Risse. Jede solche Situation ist eine Lichtung, die sich ausbreitet.»

Verschiedene Gemeinschaften und Gruppen boten Techniken des Vertrauensaufbaus an, die sich in ihren Gemeinschaften bewährt hatten: Forum, Wir-Prozess nach Scott Peck, World Work nach Mindell, Ho´o Ponopono und mehr. Vor allem bei der «Methode ohne Methode» – dem Zusammensitzen, Reden, Sich-zeigen, Feedback geben, die weitgehend durch «X-Stream» gehalten wurde – entstand eine solche Intensität und Wissen-Wollen, dass man bis spät in die Nacht nicht auseinander gehen wollte.

Am Ende konnte GEN-Suisse sich dazu beglückwünschen, so viel Mut aufgebracht zu haben. Das Wagnis hat sich gelohnt. Alle Teilnehmenden haben tatsächlich etwas Neues erlebt. Bei der Abschlussfrage: Wer wurde in seinen Grundfesten erschüttert? meldeten sich mehr als die Hälfte. Am Ende gab es zahlreiche Dankesbekundungen für diese neue Erfahrung, die wir gemeinsam gemacht haben.

Viele Auseinandersetzungen werden an anderer Stelle weitergeführt werden müssen: Wie viel Wissen und Kompetenz können wir uns gegenseitig zugestehen? Wie viel Feedback können wir voneinander annehmen? Was brauchen wir dafür? Was heisst Leitung? Wie viel «Untergrundarbeit» möchten wir machen, damit unter einem wachsenden Teil des Netzwerkes ein belastbares Vertrauen entsteht

Am Ende wurden die bestehenden und geplanten Projekte von GEN-Suisse vorgestellt: eine beeindruckende Vielfalt an Kooperationen und Aktionen, die in die Gesellschaft hineinreichen. Viele drückten den Wunsch aus, im Herbst diese Tiefenarbeit auf einem weiteren Treffen fortzusetzen – nicht bindend für alle Mitglieder, sondern nur für diejenigen, die diese Tiefe der Auseinandersetzung bereit sind einzugehen.

(verfasst von Leila Dregger, Juli 2020 )